Kurzinfo zur Person

Geboren: 1930

Orte des Geschehens:

Lindewerra

Irmgard Gerstenberg 

Kurzinfo zur Person

Geboren: 1930

Ort des Geschehens:

Lindewerra

Irmgard Gerstenberg, 1930 in Lindewerra geboren, floh 1952 mit ihrer Familie durch die Werra, nachdem die Grenzabriegelungen den Weg nach Hessen zunehmend erschwert hatten. Unterstützt von Freunden und Verwandten gelang ihnen die Flucht in mehreren Etappen.

Er konnte ja auch nicht mehr zur Arbeit. Es war ja dann verboten. Es war ja alles dann dicht, seitdem sie den Streifen gezogen hatten. Da durfte keiner mehr rüber.

Irmgard Gerstenberg wurde 1930 in Lindewerra geboren, wo sie, wie auch ihr späterer Ehemann, aufwuchs und die örtliche Schule besuchte. Gerstenbergs Vater arbeitete in einem Stellwerk zwischen Bad Sooden-Allendorf und Witzenhausen in Hessen. 1945 musste sie noch das damals obligatorische „Pflichtjahr“ in der Landwirtschaft ableisten. Später besuchte sie, wie ihr Verlobter, die Berufsschule in Witzenhausen und absolvierte eine Lehre als Schneiderin. Später arbeitete sie dort in einem Blusengeschäft. Ihr Verlobter machte eine Lehre als Polsterer in einer Fabrik in Bad Sooden-Allendorf.

Immer umständlichere Wege nach Hessen

Unter der Woche blieb Frau Gerstenberg in Witzenhausen, auch um den umständlichen Weg nicht zu häufig gehen zu müssen. Auch war der Passierschein nicht immer vorhanden. Einige Male passierte sie auch unerlaubt die Grenze. Sie fürchtete sich sehr vor den Grenzsoldaten. Aber auch von den hessischen Zöllnern wurde sie stets gründlich kontrolliert. Die Wege wurden mit der Zeit immer umständlicher und es wurde ungewiss, ob man auch ankommen würde. Immer häufiger musste Frau Gerstenberg in Witzenhausen bleiben. Auch der Vater hatte zunehmend Schwierigkeiten, zum Stellwerk zu gelangen, genauso wie der Verlobte, der nur noch schwer die Fabrik in Bad Sooden-Allendorf erreichte.

Flucht durch die Werra am 15.06.1952

Nach den Zwangsaussiedlungen 1952 in der Region befürchtete der Vater von Frau Gerstenberg, dass es zu Wiederholungen kommen könnte. Die Grenzabriegelung nahm stetig zu; so wurde zum Beispiel die Werra-Fähre aus dem Fluss genommen. So reifte der Entschluss, Lindewerra zu verlassen und eine Flucht hinter dem Haus durch die Werra zu versuchen. Der Vater begann, mit der Familie die Flucht vorzubereiten, die am 15.06.1952 gelang. Es war klar, dass der Verlobte mit der Familie seiner Verlobten flüchten wollte. Dieser musste seine Familie und eine Schwester in Lindewerra zurücklassen. Unterstützt wurde die Familie von zwei jungen Männern aus Lindewerra und auf der anderen Seite der Werra von Angehörigen aus Bad Sooden-Allendorf. Dreimalig wurde bei Nacht der Hausrat der Familie durch die Werra gebracht. Erst am Ende gingen sie selbst durch die Werra.

Neuanfang in Hessen

Die Familie konnte bei der Tante in Bad Sooden-Allendorf unterkommen und musste deswegen nicht in das Notaufnahmelager nach Gießen. Im selben Jahr heiratete das Paar. Der Hausbau wurde auch im selben Jahr in Bad Sooden-Allendorf begonnen. Das Ehepaar konnte recht günstig bauen. In den späteren Jahren nach der Flucht konnten die Schwiegereltern aus Lindewerra jährlich für zwei Wochen zu Besuch kommen. Die Hochzeit der Schwester konnte auch besucht werden, wenn auch über Umwege. Telefonate mit den Eltern von Herrn Gerstenberg waren nicht möglich. Kontakt wurde über Briefe gehalten, die jedoch vorsichtig formuliert wurden. Frau Gerstenberg konnte sich nicht vorstellen, dass die Grenze irgendwann verschwindet. Ihr Mann sagte stets: „Das kommt mal über Nacht“.

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